Der Baum

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Von Margret Rettich

Hinten im Garten stehen Tannenbäume.

Jedes Frühjahr wird ein winzig kleiner dazu gepflanzt. Jedes Jahr zu Weihnachten wird der größte gefällt. Er ist an der Reihe, Christbaum zu werden. „Warte noch damit“, sagt Mieke Bollmann, „je später wir ihn hereinholen, desto länger bleibt er frisch. Schließlich darf er nicht nadeln, wenn Oma Geburtstag hat.“ Das leuchtet Heiner Bollmann ein. Omas Geburtstagswunsch ist nämlich jedes Jahr, dass am Christbaum noch mal die Lichter brennen. Und Oma hat am zehnten März Geburtstag!

In der Woche vor Weihnachten regnet es in Strömen. In der Nacht vor Heiligabend wird es bitterkalt. All die Nässe gefriert zu Eis. Am Morgen scheint die Sonne. Das Dorf liegt unter dickem Rauhreif. „Richtiges Weihnachtswetter“, ruft der Nachbar über den Zaun. Heiner Bollmann stiefelt mit der Axt in den Garten zu den Tannen. Er hackt den größten Baum um und will ihn ins Haus tragen. Aber der Baum ist zentnerschwer. Jeder Ast, jeder Zweig, jede Nadel – alles hat eine dicke Eisschicht. Mühsam zerrt Heiner Bollmann ihn bis vor die Haustür. Als Mieke Bollmann den vereisten Baum sieht, ruft sie: „Nicht ins Haus damit, denk an den neuen Teppichboden!“ Heiner Bollmann verschnauft eine Weile, dann schleift er den Baum über den Hof in den Schuppen. Dort kann er abtauen.

Als Heiner und Mieke Bollmann in der Küche Wellwurst frühstücken, kommt Oma herein und fragt: „Was ist mit dem Baum? Es ist schon zehn!“. „Alles in Ordnung.“ sagt Heiner Bollmann. „Hoffentlich.“ sagt Oma.

Um elf ist der Baum noch genauso voller Eis wie zuvor. „Lass dir was einfallen“, sagt Mieke Bollmann. „Um eins kommen die Kinder aus der Schule. Da soll der Christbaum fertig geschmückt sein, dass wir die gute Stube abschließen können. Schließlich dürfen sie ihn vor heute Abend nicht sehen.“

Heiner Bollmann kratzt sich am Kopf und überlegt. Dann geht er und schleppt schwere Holzkloben in die Waschküche. Dort macht er damit Feuer unterm Kessel. Den lässt er bis oben voll Wasser laufen. Das kommt eiskalt aus der Leitung. Heiner Bollmann muss mächtig feuern bis es warm wird.

Inzwischen kommen die Kinder aus der Schule. „Wir freuen uns, wir freuen uns, wir freuen uns auf Weihnachten!“ schreien sie. Mieke Bollmann hat die Tür zur guten Stube abgeschlossen und die Vorhänge zugezogen, dass die Kinder nicht vom Hof aus durch die Fenster sehen können. Sie sollen denken, dass dort der Baum schon fix und fertig steht. „Ist es diesmal ein besonderer Baum?“ fragen sie. „Das kann man wohl sagen“ antwortet Mieke Bollmann und füllt Suppe auf die Teller.

Heiner Bollmann hat keine Zeit zum Essen. Gerade wuchtet er den schweren Baum in den Waschkessel. Das heiße Wasser reicht nur bis zur Mitte vom Stamm aber bis dorthin ist das Eis bald abgetaut. Heiner Bollmann legt noch mal Holz nach. Dann zieht er den Baum heraus und dreht ihn um. Nun ragt der Stamm in die Höhe und die Spitze steckt im Wasser. Heiner Bollmann hält den Baum an den Zweigen fest, dass sie nicht abbricht. Das Wasser beginnt zu summen und zu sieden. Der Baum beginnt zu duften. Heiner Bollmann wird es heiß. Er überlegt, ob Tannennadeln abgehen, wenn sie gekocht werden. Vielleicht werden sie auch nur weich. Er weiß es nicht. Er hat noch nie gehört, dass jemand seinen Christbaum am Heiligen Abend gekocht hat. Ausgerechnet ihm muss das passieren! Er holt den Baum aus dem Wasser. Das Eis ist zwar überall abgetaut, dafür sind jetzt alle Nadeln triefend nass. Ebenso nass wird Heiner Bollmann, als er den Baum über den Hof zum Haus schleppt. Dort steht Mieke Bollmann und lässt ihn nicht herein. „Es kann nicht dein Ernst sein,“ ruft sie „dass du mit diesem nassen Ding in die gute Stube auf den neuen Teppichboden willst.“

Beleidigt dreht sich Heiner Bollmann um. Er weiß nicht mehr wohin mit dem Baum. Wieder in den Schuppen? In den Garten zurück? Überall ist es kalt. Bald wird der Baum wieder so voller Eis sein wie zuvor. „Verschwinde, dass Oma und die Kinder dich nicht sehen“ sagt Mieke Bollmann. Heiner Bollmann zieht den Baum hinter sich her und schleicht an der Hausmauer entlang um den Hof in die Waschküche zurück. Dort kann er vor Wasserdampf nichts sehen. Nie und Nimmer wird der Baum hier trocken, denkt er. Er nimmt den Baum auf die Schulter und bugsiert ihn in den Schweinestall. Da ist es warm und trocken. Der Baum lehnt am Koben. Von einer Seite drängen die Ferkel, von der anderen der Eber herbei und knabbern an den Nadeln. „Wollt ihr wohl!“ sagt Heiner Bollmann und stellt den Baum so, dass sie ihn nicht erreichen können. Dann geht er ins Haus, weil er sich umziehnen will. Das Wasser aus den Zweigen ist ihm in den Halskragen gelaufen, in die Ärmel und in die Stiefel. Er friert. Er hat es satt.

In der Diele stehen Mieke Bollmann, Oma und die Kinder. Alle haben sich fein gemacht. „Mach schnell“ sagt Mieke Bollmann „gleich fängt die Kirche an!“. „Ohne mich.“ brummt Heiner Bollmann. „Was sind denn das für neue Moden?“ sagt Oma. Doch so, wie Heiner Bollmann aussieht, will auch sie nicht neben ihm in der Kirche sitzen. Und bis er sich gewaschen und umgezogen hat, ist die Kirche vorbei. Also gehen Mieke Bollmann und Oma allein mit den Kindern und das ist ihnen überhaupt nicht recht vor den Leuten.

Weihnachten dauert die Kirche immer recht lange. Heiner Bollmann hat genug Zeit. Er kann sich umziehen. Er kann Suppe essen. Er kann sich eine Weile auf dem Sofa in der Küche ausstrecken. Aber dann muss er sich ranhalten.

Als Mieke Bollmann, Oma und die Kinder um die Ecke biegen, strahlen ihnen durch die Fenster der guten Stube bereits die brennenden Kerzen entgegen. So schnell sie können, rennen die Kinder ins Haus. Dann stehen sie auf der Schwelle und staunen.

Auf dem neuen Teppichboden steht der geschmückte Christbaum – grün und ganz frisch. Bestimmt wird er alle Nadeln behalten bis Oma am zehnten März Geburtstag hat. Allerdings – den leichten Geruch nach Schweinestall behält er auch.